Was genau geschieht denn mit einem Hund, der Konflikte beziehungsweise Unsicherheiten beim Entgegenkommen eines Artgenossen verspürt und abei zur „Beruhigung“ oder zur Ablenkung ein Leckerli bekommt?  Lässt sich der Abbau von sozialen Ängsten und Unsicherheiten denn überhaupt durch Leckerli oder Spielzeug erreichen ?Oder führt diese Therapieform nicht zu einer Konfliktvermeidung , zu einer künftigen Strategie, die am eigentlichen Ziel – soziale Stabilisierung vorbeiführt ?

Vieles hat die Therapie an Hunden mit der Therapie an Menschen gemein. Hier gleich zwei der wesentlichsten gemeinsamen Schnittstellen:

  • Konfliktvermeidung ist einer der kritikwürdigsten und unzuverlässigsten Wege, Unsicherheiten und Ängste nachhaltig abzubauen.
  • Konfliktbewältigung ist der sicherste Garant für eine gewünschte Verhaltensstabilisierung. Nur über eine gezielte Strategie zur Konfliktbewältigung lassen sich Ängste und Unsicherheiten nachhaltig abbauen.

Werden einem sozial unsicheren Hund in der Begegnung mit Artgenossen Futter oder gar Spielzeug angeboten, so erfolgt der häufig untaugliche Versuch, Konfliktbewältigung durch Konflikt vermeidendes Alternativverhalten zu erreichen. An einem Beispiel wird schnell klar, was dies letztlich in Bezug auf den erhofften therapeutischen Erfolg bedeuten kann.

Was passiert denn genau genommen, wenn ein unsicherer Hund bei der Konfrontation mit einem Konfliktherd beispielsweise durch Spielzeug abgelenkt wird ? Durch das Anbieten von Spielzeug erfolgt der Versuch einer Fokus-Umlenkung, um den konfrontierenden Aussenreiz abzuschwächen. Die Unsicherheit gegenüber Artgenossen bleibt bestehen, denn aus einem Spiel mit dem Ball beim Besitzer können nun mal keine Sozialkompetenzen gegenüber Artgenossen entwickelt werden.

Niemand kann bestreiten, dass beim Anblick eines furchteinflössenden Artgenossen die Beschäftigung mit Futter oder Ball stresslindernd sein kann. Doch mehr als eine Erste Hilfe Maßnahme ist das nicht und vor allem: es ist keine sozialtherapeutische Maßnahme.

Bitten Sie den Besitzer des Reizhundes ca. 20 meter vor Ihnen und Ihrem Hund herzugehen. Beide Hunde werden an der Leine geführt. Ihr Hund wittert den Hund, vor dem er Angst hat. Wichtig ist, dass der vorausgehende Hund sicher und ruhig geführt wird.

Erfahrungsgemäß erfolgt bei den allermeisten Hunden innerhalb weniger Spazierminuten die erste erkennbare Reizschwellenerhöhung. Der sozial unsichere Hund wird zunehmend gelassener und sicherer, obwohl er einer permanenten .- wenn auch schwachen – Konfrontation ausgestzt ist.  Und weiterhin gilt: Keine Ablenkungsmanöver durch Spielzeug oder Leckerlis.

Mit dieser  zunehmenden Sicherheit kann die Distanz zum vorausgehenden Hund innerhalb kürzester Zeit auf zwei bis drei Meter reduziert werden. Ist der unsichere Vierbeiner dann so dicht dran, beginnt der nächste Abschnitt mit der überaus wichtigen unterstützenden Phase seines Besitzers.