Sie kennen das sicher auch: Dominanz und Rangordnung sind immer beliebte Themen bei uns Hundehaltern. Eine besondere Relevanz erhalten diese Themen auch, wenn es um bestimmte Hausstandsregeln geht. Um es gleich vornweg zu nehmen, beide Begriffe werden im Zusammenleben von Mensch und Hund meist völlig fehlinterpretiert. In weit über 90 Prozent der mir bekannten Fälle haben sich angebliche Dominazgesten des Hundes gegenüber dessen Besitzer als typische Ressourcen-Probleme entpuppt und keinerlei Bezug zu Dominanz- oder Rangordnungsverhalten aufgezeigt.

Selbstverständlich sollte einer gut funktionierenden Mensch-Hund-Beziehung ein hierarschisches Konzept zugrunde liegen. Dabei ist im Umgang mit dem Hund der Begriff Hierachie mehr mit einem souveränen und autoritären Führanspruch verbunden als mit häufig unangebrachten Dominanzgesten.

Souverän ist ein Hundebesitzer insbesondere dann, wenn er seinem Vierbeiner auch Freiräume einräumt, ohne seinen koordinierenden Führanspruch zu verlieren. In dieem Zusammenhang fallen immer wieder pauschale Verhaltensregeln auf.

Hierzu ein paar Beispiele:

  • Der Hund gehört nicht auf das Sofa oder ins Bett
  • Der Hund bekommt sein Fressen immer als letzter
  • Der Hund darf nichts vom Tisch bekommen
  • Der Hund hat als letzter durch die Tür zu gehen
  • Der Hund darf nie im Weg liegen
  • Der Hund darf keine strategisch relevanten Liegepositionen einnehmen
  • Der Hund darf nie den Besuch zuerst begruessen

Mal ganz ehrlich: Hunde, die nicht einmal tendenziell Schaden förderndes Verhalten gegenüber Personen oder Sachwerten zeigen, können auch sehr gut ohne diese Regeln glücklich mit ihren Menschen zusammenleben. Gemütliches Kuscheln auf dem Sofa kann das Leben von Zwei- und Vierbeinern angenehm bereichern, ohne dass dies mit Furcht vor nachteiligen Ereignissen verbunden sein muss.

Kein Hund, der in einer gut funktionierenden Sozialstruktur lebt, wird zur Dominanz gefördert, wenn er als erster sein Fressen bekommt. Auch dann nicht, wenn er als erster durch die Tür geht oder zuerst den Besuch begruesst.

Die meisten Hundehalter sind schlichtweg irritiert ob der Vielfalt an Ratschlägen, wie man mit einem Hund im häuslichen Bereich umzugehen hat.  Das nachfolgende Beispiel soll verdeutlichen, dass sich  ein plötzlich erteiltes Sofa- oder Bettverbot sehr nachteilig auf das Verhalten eines sozial verunsicherten Hundes auswirken kann:  Tobi entwickelte sich als Welpe und Junghund vorbildlich. Sein Sozialverhalten war von beispielloser Offenheit und Freundlichkeit geprägt. Deshalb hatte sein Frauchen nie Bedenken, dass Tobi regelmässig zum Schmusen aufs Sofa oder ins Bett kam.

Nach zwei Jahren erlitt Tobi nach einem Sturz vom Balkon mehrere Brüche an den Gliedmassen und im Kiefernbereich. Fast drei Monate dauerte es, bis Tobi naach komplizierten Operationen aus tiermedizinischer Sicht wiederhergestellt war.

Nachdem er wieder „Gassi“ gehen durfte, verhielt er sich seinen Artgenossen gegenüber, anders als sonst. Vermutlich hatte er noch Schmerzen, jedenfalls war er nicht mehr so ungehemmt wie früher, und begann seine Artgenossen wegzuwicken.  Auch gutes Zureden half nichts, sein Aggressionsverhalten verschlimmerte sich.

In zwei verschiedenen Hundeschulen, erhielt die Halterin nun den Rat, die Hausstandsregeln zu verändern. Tobi hatte bis hierher keine Tabuzonen innerhalb des Hauses. Nun wurde ihm verboten, im Haus erhöhte Liegepositionen in Anspruch zu nehmen.  Frauchen sollte unbedingt mehr Autorität und Distanz walten lassen, so waren die Ratschläge der professionellen Trainer und Erzieher.

Die Eskalation nahm aufgrund dieser völlig fehlplatzierten Ratschläge ihren Lauf. Tobi wurde immer aggressiver und nervöser. Von Tag zu Tag wirkte der Rüde mürrischer gegenüber allen sozialen Einflüssen von aussen.

Erst nach mehreren Besuchen bei einem Hunde-Therapeuten konnte der kleine Rüde wieder sozialisiert werden. Er verlor nach einigen Wochen die Angst, die Hausregeln wurden wieder gehandhabt, wie zuvor und Tobi legte sein Angst- und Agressionsverhalten ab.

Tobi ist ein Beispiel dafür, wie folgenreich im Einzelfall ein pauschales Vorgehen sein kann.



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